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Rund um das RLB-Bestandsgebäude

Eine Stunde hatten wir nur Zeit für unseren architektonischen Morgenspaziergang mit RLB-Vorstandsmitglied Thomas Wass und unserem Juryvorsitzenden Much Untertrifaller. Eine Stunde, in der wir im Schnelldurchgang die Geschichte eines Gebäudes streiften, das es schon in wenigen Monaten so nicht mehr geben wird.

Es ist Dienstag, 4. Juni, 7 Uhr. Ein besonderer Tag für die Vorstände der RLB wie für das gesamte RAIQA-Team. Denn in Kürze beginnt die Jurysitzung, bei der die nachgebesserten Entwürfe der beiden Wettbewerbsfinalisten – Pichler & Traupmann und die Innsbrucker Architektin Iris Reiter – präsentiert und bewertet werden sollen. Das ganze Haus ist irgendwie in Hochspannung. In wenigen Stunden, davon gehen wir zu diesem Zeitpunkt noch ganz optimistisch aus, werden wir wissen, wer das Rennen gemacht hat und wie das neue RAIQA aussehen wird. Dass es an diesem Tag noch keine definitive Entscheidung geben wird, ahnt keiner. Wir sind jedenfalls voll im Flow, nutzen die Zeit und laden den Vorsitzenden unserer Jury, Much Untertrifaller, gemeinsam mit unserem Vorstand Thomas Wass zu einem architektonischen Morgenspaziergang quer durch unser bestehendes Gebäude und hinüber zur künftigen Ersatzbankstelle am Bozner Platz ein.

Die Ersatzbankstelle am Bozner Platz

Es soll eine Art Reminiszenzen-Rundgang werden, oder, frei nach Peter Handke, unserem aktuellen polarisierenden Literaturnobelpreisträger: ein kurzer Abriss zum langen Abschied. Thomas Wass kennt das Haus ja selbst schon seit 22 Jahren, das ist gut die Hälfte von dessen Baulebenszeit. Denn eingeweiht und bezogen wurde es 1970, also vor exakt 50 Jahren. Unser Zahlenvorstand Reinhard Mayr könnte sogar noch weitere 18 Jahre an Erinnerungen einbringen, aber wir haben nur eine Stunde Zeit, also sausen wir nun mit Thomas Wass und Much Untertrifaller erst mal zum sogenannten Sautter-Haus am Bozner Platz, das ab Februar 2020 die Übergangs-Bankstelle der Adamgasse beherbergen wird.

Das Haus selbst steht ja ebenfalls in einer besonderen Beziehung zur RLB, denn von der Firma Sautter hat die Bank einst ihre ersten Olivetti-Rechenmaschinen bezogen. Davor mussten die Zinsen händisch berechnet werden. Die riesigen, fast quadratischen Fenster hin zum Bozner Platz stechen schon von Weitem ins Auge, und Much Untertrifaller meint: „Was für ein Glücksfall, dass ihr in unmittelbarer Nähe so ein Ladenlokal gefunden habt.“ Thomas Wass nickt zustimmend.

Ein introvertierter Turm in der Adamgasse

Wir bestaunen noch kurz die wunderschönen altmodischen Steinböden, die vermutlich einem neuen Belag weichen werden, und eilen auch schon wieder zurück zu unserem markanten Sichtbetonturm in der Adamgasse, den der Innsbrucker Architekt Walter Anton Schwaighofer entworfen hat. Für die ihm unmittelbar nachfolgende Architektengeneration war Schwaighofers Baustil, so hört man, freilich weniger Vorbild als vielmehr Reibebaum. Much Untertrifaller, der selbst unter dem Firmenlabel Dietrich Untertrifaller Architekten ein überaus erfolgreiches, europaweit tätiges österreichisches Architekturbüro mit Sitz in Bregenz und Wien sowie Niederlassungen in St. Gallen, Paris und München betreibt und als typischer Vertreter der Vorarlberger Schule gilt, bringt es etwas diplomatischer und weniger unverblümt auf den Punkt: Er beschreibt den Bau als extrem introvertiert mit ganz wenig Bezug nach außen. Selbst in den Obergeschossen bekomme man nicht wirklich mit, wo man gerade umgehe. „Damals setzte man andere Prioritäten, doch so würde heute niemand mehr bauen“, so Untertrifaller, der als Architekt auch in Innsbruck eine wichtige kulturelle Landmark gesetzt hat. Sein Büro hat gemeinsam mit Erich Strolz den wohl größten Kulturbau der jüngeren Zeit in Innsbruck realisiert – das Haus der Musik.

Außen brutalistisch, innen divers

Dabei war das diesem sogenannten Brutalismus-Bau zugrunde liegende ökonomische Konzept dem jetzigen gar nicht so unähnlich. Denn auch damals waren neben der Schalterhalle nur zwei Stockwerke für die Bank reserviert, die anderen Geschosse wurden verkauft oder vermietet. So hatten sowohl das Olympische Komitee als auch das Deutsche Generalkonsulat, die Wintersport AG und das Handelshaus Elsner über lange Jahre ihren Sitz in der Adamgasse. Die Bank, erzählt uns unser Chief Compliance Officer Markus Schlenck – er ist der Sohn von Langzeit-Generaldirektor Günther Schlenck, also jenes Mannes, der den Bau damals beauftragt hat –, habe sich dann zusehends über alle Stockwerke ausgebreitet. Und zwar zuerst mit der rasant wachsenden IT, die damals noch EDV hieß, bis sie schließlich weiter südlich in der Adamgasse mit dem Rechenzentrum ihr eigenes Gebäude bekam, und später dann mit Abteilungen, die sich nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Regulatorik-Bestimmungen neu formieren mussten. Wann immer ein Stock neu bezogen wurde, habe man umgebaut, weiß Schlenck – und das jedes Mal anders. Das erkläre auch die architektonische Diversität der einzelnen Stockwerke.

Geschlossene Kisten vs. neue Arbeitswelten

Im sechsten Stock, in dem sich nun unsere Kommunikationsabteilung befindet, war zuvor die Wintersport AG beheimatet. Nachdem Thomas Wass vor seinem Wechsel in die Vorstandsetage über lange Jahre die Kommunikation leitete, wird das unsere nächste Station. Im Nord- und Südflügel dieses Stockwerks sind die Büros größer und lichtgeflutet, dazwischen befinden sich rechts und links von Holzlamellenwänden und Glasoberlichten

eingefasste Büros, die Much Untertrifaller salopp als geschlossene Kisten bezeichnet. Er habe ja schon seit vielen Jahren kein Einzelbüro mehr, kommen wir ins Plaudern. Aber er wisse natürlich, dass sich Menschen, die zuvor in solchen Kisten werkten, schon ein wenig vor den sogenannten neuen Arbeitswelten fürchten. „Wir haben erst neulich ein Headquarter für 400 Arbeitsplätze konzipiert und gebaut. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort konnten sich das zunächst auch nicht vorstellen, aber es war schon ganz kurz nach der Übersiedelung überhaupt kein Thema mehr, weil die heutigen Großraumkonzepte ja immer mit anderen Raumangeboten für ganz spezielle Arbeitsanforderungen einhergehen“, erklärt Untertrifaller. Wer auf Teams angewiesen sei und nicht ständig mit Mails zugespamt werden möchte, wisse die Vorzüge von New Work ganz schnell zu schätzen.

Eine Kunstbrücke im zweiten Anlauf

Die Digitalisierung – dieser Inbegriff branchenübergreifender Disruption – hat ja bekanntlich nicht nur Arbeits- und Teamprozesse, sondern auch das Bankwesen von Grund auf verändert. Das zeigt sich nirgendwo deutlicher als im Foyer einer Bank, der nächsten Station unserer frühmorgendlichen Runde. Hier standen über lange Jahre zwei Schalterreihen, doch schon bei dem von Heinz Örley geplanten Umbau der Bankstelle in den späten 90er-Jahren, also in der sogenannten Ära Hakl, reduzierte man auf eine Reihe und legte vis-à-vis Beratungszimmer an. Außerdem erhielt der im oberen Drittel der Halle angebrachte

Balkonumlauf endlich seine ihm ursprünglich zugedachte Bestimmung. Aufgrund des RAF-Terrors in den 70er-Jahren blieb dieser Ausstellungsraum nämlich fast drei Jahrzehnte ungenutzt, hat sich dann aber als RLB Kunstbrücke zu einem ganz wesentlichen Markenkontaktpunkt der Raiffeisen-Landesbank Tirol entwickelt. Seit der Eröffnung der RLB Kunstbrücke im Oktober 1998 gibt es hier nun zwei bis drei Ausstellungen im Jahr, wobei es an den Eröffnungsabenden immer „proppenvoll“ sei, erzählt Wass, in dem sofort viele Erinnerungen aufsteigen – etwa an den Malerfürsten Markus Lüpertz, der 2004 hier ausstellte, der habe ihn schon sehr beeindruckt.

Retro-Licht und Retro-Saal

Wir schauen hoch zur Decke, unser Blick bleibt unwillkürlich bei den Bartenbach-Alu-Lichtumlenkungssystemen hängen, die auch die Außenfassade zieren. „Die haben ja mittlerweile fast schon historischen Wert“, findet Untertrifaller. Sie sind damit mittlerweile also ebenso retro wie der legendäre Raiffeisensaal, dessen dunkle Holzwucht und die niedere Deckenhöhe einem heutzutage schon schwer aufs Gemüt drücken, aber damals wohl genauso hip waren wie psychedelische Teppich- und Vorhangmuster, monströse Kugelleuchten und die unvermeidlichen Schlaghosen. Okay, Letztere waren hier in der Adamgasse vermutlich nicht so angesagt. Der Saal habe jedenfalls technisch alle Stücke gespielt, es gab sogar Dolmetscherboxen, und die spätere Schwedenkönigin Silvia, weiß Thomas Wass, sei als stellvertretende Protokollchefin der Olympischen Winterspiele 1976 in Innsbruck hier ebenfalls im Einsatz gewesen. Jedenfalls hat Langzeit-Marketingchef Hans Gastl mit ihr mehrfach Kaffee getrunken, er schwärmt heute noch davon. Ebenso wie Markus Schlenck von den damaligen Hausbällen, die seien legendär gewesen. Heute werden zwar nach wie vor raiffeiseninterne Veranstaltungen abgehalten, „aber diesem Raum wird garantiert keiner eine Träne nachweinen“, lacht Wass.

Das Beste zum Schluss

Dasselbe gilt für die Tiefgaragen, die Much Untertrifaller, der Mann der diplomatischen Worte, als nicht gerade sehr einladend und benutzerfreundlich beschreibt, wobei er ohnehin der Meinung sei, dass große Garagen in der Innenstadt Auslaufmodelle seien. Wir verlassen daher schleunig diesen wenig erbaulichen Ort und fahren mit dem Lift geradewegs in den achten Stock. Die Dachterrasse ist unsere letzte Station. „Dieser Blick kann schon was“, ruft Thomas Wass und hält unvermittelt inne. So stehen wir einige Minuten geradezu andächtig da. Schon frappierend, dass der schönste Platz dieses Gebäudes bis jetzt im Dornröschenschlaf lag. Nur einmal sei die Terrasse geöffnet worden, wird Markus, unser Chronist, später erzählen. Damals zur Sonnenfinsternis 1999. Gut Ding braucht manches Mal Weile, wie es scheint. Denn nach dem Befreiungsschlag, den Pichler & Traupmann für dieses Gebäude ersonnen haben, wird sich hier in drei Jahren eine stylishe Rooftop-Bar befinden. Bis dahin werden wir uns – so wie bisher schon – andere Terrassen und schöne Ausblicke suchen müssen. Aber dann werden wir unsere Arbeitswelten häufiger mal hierher verlegen. Garantiert.